Samstag, 25. November 2017

Gelesen.




Ich verneige mich.
Bin beeindruckt.

"Museum der Erinnerung" von Anna Stothard



"Sie fand, die Schönheit von Museen, genau wie die von Landkarten und die zwischenmenschlicher Beziehungen, lag ebenso sehr in der Distanz wie in der Nähe."


Es bleibt in Erinnerung ...

... die Story

Cathy arbeitet zusammen mit ihrem Freund Tom im Berliner Naturkundemuseum. Während im Museum die Zweihundertjahrfeier anläuft, bekommt Cathy Besuch von einem alten Freund und es ist, als würde sie von ihrer Vergangenheit eingeholt. Daniel und sie waren Jahre zuvor ein Paar. Nun scheint Daniel sich für etwas rächen zu wollen und die Geschehnisse spitzen sich zu. Cathys Erinnerungen wandern zurück nach Essex in einen kleinen Küstenort und der Leser erfährt nach und nach, was sich damals am Strand abgespielt hat. Von Jack, Daniels kleinem Bruder, ist die Rede und von einem tragischen Unfall. Ebenfalls von Gewalt, die Daniel ihr angetan haben soll.
Die Szenerie wechselt nun immer zwischen Berlin und Essex und Anna Stothard brilliert hier mit einem Spiel von Spannung und Erwartung.

... ein Zitat

"Cathy wollte als Kind immer wissen, wie alles funktioniert: Auf welche Weise sich ein Vogelflügel auffächerte und wie das Herz eines großen Fuchses aussah; warum Augäpfel nicht herausfielen und woraus Schmetterlingsflügel bestanden. An dem Tag, an dem sie Daniel und seinen Bruder Jack das erste Mal traf, hatte sie gerade eine tote Dohle gefunden, die im Matsch eingefroren war. Sie lag zwischen gefrorenem Seetang und schleimigem Tau unter der schimmeligen Verkleidung des Strandhauses nebenan, in dem die Luft nach Methan und Verrottung stank. Sie hob den Kadaver mit einer Schaufel auf und legte ihn ins Licht, um das gefrorene Blut in den Nasalborsten zu betrachten. Das Tier war kalt, und sein Kopf war stolz nach oben gebogen."

... was mich bewegt hat

Cathy hat mich sehr bewegt, ihre Sammelleidenschaft im Kindesalter und ihr Versuch als Erwachsene, die Vergangenheit in Form der Objekte einfach wegzuschließen und nicht mehr an sich ran zu lassen. Bis Daniel zurück in ihr Leben schleicht ...
Überraschenderweise hat auch Daniel mich bewegt. Erinnerte ich mich eben noch an seine "weißglühende Wut", erfahre ich ihn urplötzlich als nachdenkliche Seele.
Anna Stothard gelingt das meisterlich.

... die Sprache

Sehr versiert und ausformuliert und sie passt gut zum geordneten Schauplatz Museum. Anna Stothard liebt es ins Detail zu gehen und schafft dabei Atmosphäre. Dafür muss sich der Leser aber Zeit nehmen. 

... ein Fazit

Schöne Schauplätze, ausgeprägte Figuren, eine interessante Sprache und ein gutes Maß an Spannnung. Lesen!



"Die Moselreise" von Hanns-Josef Ortheil


"Die Ufer spiegeln sich in der Mosel, dort zerfließen die Farben wie Wasserfarben auf meinen Schulbildern."


Es bleibt in Erinnerung ...

... die Story

Auf einer fast zweiwöchigen Wanderung 1963 mit seinem Vater entlang der Mosel von Koblenz nach Trier führt der elfjährige Hanns-Josef eine Art Reisetagebuch. Das Notieren und Protokollieren von Erlebtem gibt dem Jungen ein Gefühl der Sicherheit, denn er befürchtet, die Sprache könnte ihm ansonsten wieder abhanden kommen. Mit erst sieben Jahren hatte er sie erlernt, da er mit einer stummen Mutter aufwuchs. Danach erlebte er Worte als etwas Magisches und Faszinierendes, etwas, das ihn aufblühen ließ.
Der Vater unterstützt ihn in seinen Bemühungen, gibt ihm Zeit für die täglichen Notate und vor allem schafft er mit der Reise einen neuen Erlebnisraum für den Jungen, der geradezu dazu einlädt, intensiv erfahren und festgehalten zu werden. Hanns-Josef ist ein wissbegieriges Kind und der Vater vermittelt ihm viel Wissenswertes, macht aufmerksam, erklärt und beobachtet zusammen mit ihm Land und Leute. Auf "bleibende Erinnerungen" kommt es an und dafür muss man "genau hinschauen". So lehrt er das Kind.
Nach fast fünfzig Jahren wiederholt der erwachsene Hanns-Josef Ortheil in Gedenken an seinen Vaters diese Wanderung entlang der Mosel.
Es entsteht eine Art Hommage an den Vater, der ihm damals viel Zeit und Zuwendung geschenkt hatte.

... ein Zitat

"Dass die Moselreise aber mehr war als nur eine schlichte Reiseerzählung, das ahnte ich als Kind nicht. Ich war stolz, so viel wie möglich von den Erlebnissen, Gesprächen und Orten der Reise festgehalten zu haben, aber ich wusste nicht, dass für einen erfahrenen Leser hinter der dokumentarischen Folie der Erzählung noch eine ganz andere Erzählung sichtbar wurde. Ich meine die Erzählung von Vater und Sohn, ja ich meine die Erzählung von ihrer engen Zusammengehörigkeit und von ihrer gegenseitigen starken Liebe und Achtung."

... was mich bewegt hat

Die intensive Vater-Sohn-Beziehung. Alles natürlich aus Sicht des Sohnes, aber die Hinwendung des Vaters ist wirklich berührend.
Im Abspann des Buches fasst Hanns-Josef Ortheil nochmal zusammen, wie immens bedeutungsvoll und unvergessen für ihn diese Moselreise mit dem Vater gewesen ist.

... die Sprache

Da viele Originalnotierungen des jungen Ortheil mit einfließen, ist es eine eher einfache Kindersprache, die die Seiten füllt. In der Vor- und Nachbetrachtung  aber spricht der erwachsene Autor und fügt das Buch zu einem harmonischen Ganzen.

... ein Fazit

Wer "Die Erfindung des Lebens" vom Autoren gerne gelesen hat, wird auch dieses Buch mögen. Der junge Hanns-Josef entwickelt sich weiter und es ist ganz wunderbar, das verfolgen zu dürfen.

Mittwoch, 18. Oktober 2017


"Die Geschichte eines neuen Namens" 
von Elena Ferrante



"Seit dem Tag ihrer Hochzeit quälte sie ein wachsendes, immer schlechter gebändigtes Unglück."


Es bleibt in Erinnerung ...

... die Story

Lila vertraut Elena acht Schreibhefte mit handschriftlichen Aufzeichnungen an, da sie in Sorge ist, sie könnten in die Hände ihres Mannes geraten. Obwohl Elena schwört, es nicht zu tun, beginnt sie sofort mit dem Lesen. 
So beginnt der zweite Band von Elena Ferrantes Tetralogie.

Lilas Notizen und Elenas eigene Erinnerungen führen fort, von einer Freundschaft zu erzählen, die nur schwer gelebt werden kann, da beide Frauen Wege gehen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Lila bringt im Rione einen Sohn zur Welt und Elena schließt in Pisa den Studiengang Philologie mit Bestnote ab und verlegt ein Buch.
Kann die Freundschaft überleben, obwohl Berührungspunkte beider Leben rar geworden sind und man der anderen das Glück nicht gönnt?
Elena kommt nach ihrem erfolgreichen Studienabschluss auf Besuch in den Rione, eher widerstrebend, denn mittlerweile fühlt sie sich dort sehr fremd.
Als sie Lila wieder trifft, nimmt sie bestürzt deren neue Lebensumstände wahr.

... ein Zitat

" Ich absolvierte die Prüfungen pünktlich und lernte mit der üblichen eisernen Selbstdisziplin dafür. Ich hatte panische Angst davor, zu versagen und das zu verlieren, was mir trotz der Schwierigkeiten sofort als das Paradies auf Erden erschienen war: ein eigenes Zimmer, ein eigenes Bett, ein eigener Schreibtisch, ein eigener Stuhl, Bücher, Bücher, Bücher, eine Stadt, die das ganze Gegenteil vom Rione und von Neapel war, ringsumher nur Leute, die studierten und über das, was sie studierten, diskutieren wollten. Ich strengte mich mit einer solchen Beharrlichkeit an, dass kein Lehrer mir je weniger als die Bestnote gab und ich innerhalb eines Jahres zu einer als vielversprechend geltenden Studentin wurde, auf deren respektvollen Gruß man mit Liebenswürdigkeit antworten konnte."

... was mich bewegt hat

Bewegt hat mich Elenas negative Selbsteinschätzung. Selbst wenn sie allen Grund hat, stolz auf sich zu sein, nagen Zweifel an ihr.
Ihre Minderwertigkeitsgefühle führen leider auch zu Missgunst und Gehässigkeit. Vor allem Lila bekommt das zu spüren.

... die Sprache

Sprachlich einfach. Aber einige schöne Formulierungen haben es mir angetan.

... ein Fazit

Einmal mehr muss ich feststellen, dass diese Geschichte reizt: Elena, die dem heimatlichen Dorf entflieht und beflissen studiert, während Lila im "elenden Grau der alten Wohnblocks" hängenbleibt und sich vermeintlich damit zufriedengibt.
Aber ich stelle mir die Frage, ob dies ein solch seitenstarkes Werk rechtfertigt. Einstweilen empfinde ich die Geschichte als etwas gedehnt und gestreckt (zum Beispiel der Urlaub auf Ischia) und mir missfällt diese etwaige Absicht von Autorin und Verlag.

Freitag, 6. Oktober 2017

"Mit dem Wind um die Welt" 
von Bertrand Piccard und Brian Jones




"... die letzte große Herausforderung der Luftfahrt, vielleicht sogar die größte überhaupt, da sie die Mittel der Technik mit der Poesie des Windes verband."


Es bleibt in Erinnerung ...

... die Story

Im Jahr 1999 gelingt es Bertrand Piccard und Brian Jones, als Erste die Welt nonstop mit dem Ballon zu umrunden. Dem spannenden Abenteuer gingen mehrere Fehlschläge voraus und bis zum Schluss bleibt der Erfolg auch dieses Versuchs fraglich. Sind die Windströme richtig berechnet, können die Jetstreams maximal genutzt werden, werden Schlechtwetterfronten früh genug erkannt, gelingt es Luftsperrgebiete zu meiden und reicht der Brennstoffvorrat? 
Hautnah lassen Bertrand und Brian mich teilhaben am Geist dieses Unternehmens. Keine unverständliche Fachsprache ermüdet mich, sondern ich finde eine spannende und aufschlussreiche Geschichte vor. Phantastisch erzählt reißt das Geschehen mich mit.
Letztendlich geht es auch darum, Grenzen zu überwinden, die der Länder und ganz eigene. Das wird sehr gut rausgestellt, zumal Bertrand Piccard und Brian Jones unentwegt über ihre Gefühle reden. 
Sie räumen auch in mancher Situation Angst und Verzagtheit ein, mimen also nicht die unerschrockenen Helden. Kritische Situationen gibt es zahlreiche, doch nach zwanzig Tagen erreichen sie ihr Ziel und müssen nur noch die Landung meistern ...
Auch diese ist schwer zu berechnen und nochmal ein Abenteuer für sich.

... ein Zitat

"Der Bericht enthielt die eindrücklichsten Erinnerungen der ersten Flugwoche. Ich hatte sie niedergeschrieben, weil mich weniger die Fakten als vielmehr unser subjektives Erleben dieser unvorstellbaren Erfahrung interessierte.
Ich schwärmte von der Vielzahl der Wüsten, die wir überquert hatten, von gewaltigen, vom Menschen vollkommen unberührten Gebieten, und erinnerte daran, wie Saint-Exupéry nach seiner Notlandung neben seinem Flugzeug sitzend geschrieben hatte ...
Als der Vollmond über den schneebedeckten Gipfeln des Atlasgebirges aufgegangen war, erschienen einer nach dem anderen die Sterne über der mauretanischen Wüste, und ein dünner, weißer Nebel hüllte den Ballon ein. Ich höre das gleichmäßige Schnarchen der Brenner und denke, der Ballon atmet. Alles ist still."

... was mich bewegt hat

Die ausgeprägte Psychologie, die in diesem Abenteuer steckt!
Vor allem Bertrand (er ist Psychiater) gewährt uns tiefe Einsichten in das, was ihn bewegt und motiviert und was es ihn über das Leben lehrt: Herausforderungen suchen, Stürmen begegnen, Probleme meistern. Die Ballonfahrt als Metapher für das Leben!
Bewegt hat mich außerdem, wie Bertrand Piccard und Brian Jones miteinander umgehen. Sie wissen einander zu schätzen und keiner der beiden hat Chefallüren. Gleichberechtigt und dem anderen Respekt zollend - so sind sie ein wunderbares Team. Bertrand sagt dazu:
"Eigentlich waren wir zu dritt, denke ich heute: Brian, ich und dann noch Wir-beide - und Wir-beide tat immer das Richtige zur richtigen Zeit."

... die Sprache

Sprachlich liegt es weit über dem, was ein Abenteuerbericht vermuten lässt. Vor allem Bertrand Piccard weiß sich auszudrücken und seine Art zu erzählen, hat mich gefesselt. Geht es um technische Details, sind diese leicht verständlich.

... ein Fazit

Ein Buch sowohl für Männer als auch für Frauen! Wirklich empfehlenswert. Wunderschöne Farbfotos runden das Leseerlebnis ab.

Sonntag, 17. September 2017

"Magellan" von Stefan Zweig




"Nur eine Tat ist noch übriggeblieben ... auf ein und demselben Schiff den ganzen Erdball zu umrunden ..."


Es bleibt in Erinnerung ...

... die Story

Stefan Zweig erzählt hier nicht nur vom Wagnis der ersten Weltumseglung, sondern er geht weit zurück und recherchiert die Biographie Magellans von Jugendjahren an. Wie entwickelte sich dessen verwegene Lebensidee, die Fahrt ins Ungewisse zu wagen und die Weststraße nach Indien zu suchen? Als erstem Seefahrer überhaupt gelingt ihm die gefahrvolle Odyssee einmal um die ganze Erde. Im Jahre 1519 bricht er mit fünf Kuttern von Sevilla aus auf. Zuvor hat er die Schiffe wohldurchdacht ausgerüstet. Schwierig ist es vor allem, den Proviant richtig zu berechnen, denn die Länge der Reise ist ungewiss. 
Mit Hilfe einer (fehlerhaften) Karte sucht Magellan den "paso", die Durchfahrt vom Atlantischen zum Pazifischen Ozean. Zunächst erfolgt die Suche an Südamerikas Küste viel zu weit nördlich und die Flotte muss in "eisigen Zonen" überwintern und "grausamste Orkane" ertragen, bevor sie im Frühjahr dann erst die schmale Seestraße findet.
Schiffbruch, Hunger, Meuterei und Auseinandersetzungen mit Eingeborenen führen dazu, dass von den 237 Seeleuten nach drei Jahren nur achtzehn Kameraden auf einem der Schiffe heimkehren. Einzig sie umrunden die Welt (ein zweites Schiff bricht vorher ab) und unumstößlich wird zur Gewissheit: die Welt ist eine Kugel.  
Magellan gehört leider nicht zu den Überlebenden; es bleibt dem Verstorbenen einzig der Ruhm, zum Namensgeber der Magellanstraße zu werden.
Stefan Zweig aber verneigt sich vor diesem faszinierenden Mann, der ein Ziel verfolgt und beharrlich Kurs hält, und setzt ihm hier ein Denkmal.

... ein Zitat

"Immer gibt ein Mensch nur dann das Höchste, wenn er ein Beispiel gibt, und wenn eine, so hat diese eine fast vergessene Tat Magellans für alle Zeiten erwiesen, dass eine Idee, wenn vom Genius beschwingt, wenn von Leidenschaft entschlossen vorwärtsgetragen, sich stärker erweist als alle Elemente der Natur, dass immer wieder ein einziger Mensch mit seinem kleinen vergänglichen Leben, was hunderten Geschlechtern bloßer Wunschtraum gewesen, zu einer Wirklichkeit und unvergänglichen Wahrheit umzuschaffen vermag,"

... was mich bewegt hat

Stefan Zweigs unverhohlene Bewunderung für seinen Helden auf See. Und die Einsamkeit Magellans (obwohl unter Vielen), sein Wagemut und sein unbändiger Wille und für die anderen nicht fühlbar seine nagenden Ängste. Zweig lässt tief in seine Seele blicken.

... die Sprache

Wortgewaltig, lebendig und ausdrucksstark. Ein sprachlicher Hochgenuss.

... ein Fazit

Wer sich in Büchern gerne auf das Meer begibt, wer sich ein wenig für Geschichte interessiert und wer es sprachlich gerne hochwertig hat, der sollte zu diesem Buch greifen. 
Langeweile ausgeschlossen. Ich fand es sehr spannend!




Freitag, 8. September 2017


"Zu Fuß durch ein nervöses Land" 
von Jürgen Wiebicke



"Aber immer auf der Suche nach der nächsten zufälligen Begegnung, 
die mir hilft, etwas Neues zu begreifen."


Es bleibt in Erinnerung ...

... die Story

Auf der Suche nach gesellschaftlichem Zusammenhalt hat sich Jürgen Wiebicke im Sommer 2015 zu Fuß auf den Weg von Köln nach Ostwestfalen-Lippe gemacht. Es ist das Jahr der großen Flüchtlingsströme und der Journalist, Philosoph und Schriftsteller geht der Nervosität nach, die Deutschland zu spalten droht und sucht nach Zeichen von Mitmenschlichkeit und Schulterschluss. Sein Ziel sind bewusst Orte, die zu spiegeln vermögen, wie es um unser Deutschland steht. Seien es psychiatrische Klinik, Flüchtlingsheim, Schlachthof oder Jugendhilfezentrum, überall dort taucht Jürgen Wiebicke ein in Gespräche, die ihm neue Aspekte eröffnen und Denkanstöße geben. Er ist neugierig und offen und stellt die richtigen Fragen. Termine, die er im Vorfeld vereinbart hat, machen nur einen kleinen Teil aus. Es ist eher die Zufallsbegegnung auf der Straße, die er sucht und findet: Bauer, Flaschensammler, Asylbewerber, Kleingärtner, Binnenschiffer, Jäger und Angler. Meist hat er Glück und trifft auf Menschen "in Schwatzlaune", eher selten wird er auf Abstand gehalten.
Mit viel Betroffenheit aber auch Humor erzählt er von denen, die ihm was zu sagen hatten. 

... ein Zitat

"Ich habe Deutschlandkarten studiert, auf denen die Fernwanderwege verzeichnet sind. Aber die sind nicht für Leute wie mich gemacht. Ich suche nicht nach dem spektakulären Panoramablick, nach den Idyllen der deutschen Mittelgebirge, meine Wege sollen auch dorthin führen, wo es schäbig ist. Ich glaube nämlich, dass man eine Gesellschaft am besten von ihren Rändern her verstehen kann ... Als Wanderer setze ich mich aus, bin mit dieser Welt leiblich verbunden, sehe ich Dinge, für die ich sonst keine Aufmerksamkeit gehabt hätte. Beim Gehen gerate ich in einen anderen Zustand, das Denken verflüssigt sich."

... was mich bewegt hat

Das Engagement Jürgen Wiebickes, sein "Wunsch, von der Straße zu lernen", den einfachen Menschen zuzuhören, um sich ein Bild von der heutigen Gesellschaft zu machen.
"Ich wollte mir mein eigenes Land erklären lassen", sagt er so schön. Dafür macht er sich zu Fuß auf den Weg, setzt sich Strapazen aus und verströmt dabei einen beeindruckenden Optimismus. Keine Seite, auf der er nicht vom Glück der Bewegung und der Begegnung spräche.

... die Sprache

Sprachlich sehr fesselnd, denn es paart sich hier sein Vermögen zu schreiben und die Tatsache, dass er wirklich was zu erzählen hat. Wissenswertes lebendig in Sprache gepackt.

... ein Fazit

Jürgen Wiebicke ist ein Autor seiner Zeit, benennt, wo es  brennt und wo die Politik ansetzen sollte. Sein Buch ist hochaktuell, da es die Flüchtlingsproblematik ins Zentrum rückt. 2016 erschien das Werk und bereits dieses Jahr (2017) gibt es weiteres Buch von ihm. Darin ermutigt er uns, vor die Tür zu gehen und uns zu engagieren. Wir können auf diesem Wege im Kleinen politisch wirksam werden und die Demokratie stützen, bzw. "retten", so wie Jürgen Wiebicke sagt.
Auf seiner Lesereise macht er auch in Dormagen halt. Ich werde mir diesen Autoren nicht entgehen lassen.

Sonntag, 3. September 2017

"Was man von hier aus sehen kann" 
von Mariana Leky



" ... weil sonst das Leben falsch abgebogen wäre."

Es bleibt in Erinnerung ...

... die Story

Im Westerwald geschieht Mystisches: immer, wenn die alte Selma von einem Okapi träumt, schleicht sich der Tod ins Leben und trifft einen ihr nahe stehenden Menschen. 
Aber kann jemand wirklich "an Selmas Traum sterben"? Ja, davon ist man überzeugt.
So mancher Dorfbewohner hütet in sich eine "verschnürte Wahrheit" und meint, er müsse sie nun offenbaren, schnell noch, bevor der Tod zuschlägt. Als es tatsächlich passiert, trifft es alle schwer ... Vor allem Luise, die zehnjährige Enkelin von Selma und gleichzeitig die Icherzählerin dieses Romans.
Waren alle vorher schon komisch, legt man jetzt noch einen Stiefel zu. Luises Vater schnürt letztere und geht auf Weltreise, der Optiker hört verstärkt innere Stimmen und Elsbeth wird noch abergläubischer. Luises Beziehung zu Selma gestaltet sich immer inniger, allein ihre Ausbildung zur Buchhändlerin in der Kreisstadt bringt etwas Abstand. Mit zweiundzwanzig Jahren gibt es einen weiteren Einschnitt für Luise, als würde sich jemand anschicken, ihr Leben umzudrehen ... 

Dieser Jemand heißt Frederik und ist zu Besuch im Westerwald; eigentlich lebt er als Mönch in Japan. Er wirkt buddhistisch abgeklärt und geht zurück nach Japan, nachdem er und Luise sich näher gekommen sind. Jahre verstreichen, in denen Frederik und Luise sich schreiben und manchmal telefonieren. Über ihre unglückliche Liebe spannen sich große Themen auf: das Vergehen von Zeit, die Frage, was "wirkliches Leben" ist, soll man bleiben oder reisen und was überhaupt hat man in der Hand, was ist verhandel- und verwandelbar?
Selma liegt schließlich im Sterben und ein letztes Mal kommt das Okapi ins Spiel ... sowie einiges in Bewegung.

... ein Zitat

"Selmas Traum aber schuf Tatsachen. War ihr im Traum ein Okapi erschienen, erschien im Leben der Tod; und alle taten, als würde er wirklich erst jetzt erscheinen, als käme er überraschend angeschlackert, als sei er nicht schon von Anfang an mit von der Partie ... Die Leute im Dorf waren beunruhigt, man sah es ihnen an ... Den ganzen Tag beargwöhnten sie ihr Leben und, soweit möglich, das aller anderen."

... was mich bewegt hat

Sehr vieles hat mich bewegt. Selma und die anderen, die Metaphern und die Botschaften und eine Sprache, wie ich sie so noch nicht gelesen habe. 

... die Sprache

Sehr, sehr bildhaft und sie bietet immer einen Anlass zum Schmunzeln. Intelligente Leichtigkeit trifft auf große Themen. Gelungener Sprachwitz. Nie überzogen.

... ein Fazit

Man verpasst was, wenn man diese Erzählerin nicht kennenlernt, da sie sprachlich wirklich einzigartig ist. Was die Liebesgeschichte betrifft, ist diese nicht ganz frei von Kitsch (Mädchen liebt Mönch), aber die Figuren, der Einfallsreichtum der Autorin und ihre Sprache lassen den Kitsch vergessen. 


Dienstag, 22. August 2017

"Goethe & Schiller" 
Geschichte einer Freundschaft 
von Rüdiger Safranski


"... jedes Mal, wenn ich ihn wiedersah, erschien er mir vorgeschritten in Belesenheit, Gelehrsamkeit und Urteil."


Es bleibt in Erinnerung ...

... die Freundschaft

Goethe nennt seine Begegnung mit Schiller "ein glückliches Ereignis" und Schiller spricht von der "Frucht" des Umgangs mit Goethe. Rüdiger Safranski erzählt hier lebendig und detailreich von der Freundschaft dieser beiden deutschen Literaten, die aber zunächst gar keine ist. Goethe hält anfangs "absichtsvolle Distanz", weil er in dem jungen Schiller einen Konkurrenten sieht und darüber hinaus mit dessem Werk "Die Räuber" so gar nichts anfangen kann.
Die beiden überwinden die "Kluft" im Sommer 1794, als erste tiefere Gespräche sie einander interessant werden lassen. Es trifft der Rhetoriker auf den Poeten. Während Schiller eher mit Worten bewusst experimentiert, lässt Goethe sich von Gefühl und Inspiration treiben. Beide aber können voneinander lernen und diese Erkenntnis beflügelt sie.
Rüdiger Safranski spürt dieser außergewöhnlichen Freundschaft nach und bringt dem Leser die beiden großen Dichter und die literarische Epoche nahe, in der sie gelebt haben.

... ein Zitat

"Auf Schiller wirkt Goethe anstachelnd, nicht, wie auf viele andere, einschüchternd. Im Augenblick, da sie sich einander näherten, spürt Schiller die Herausforderung, sich zu steigern und den Glauben an sich selbst zu kräftigen. Schiller wird, trotz der Selbstzweifel, grandios zur Dichtung zurückkehren. Er wird, von Goethe angetrieben, seinen Wallenstein und danach die ganze Folge seiner klassischen Dramen vollenden. Er wird das Poetische und das Philosophische zu einer bis dahin noch nicht erreichten Synthese führen. Und Goethe? Auch er datiert vom Augenblick der glücklichen Begegnung an eine Epoche der Selbstfindung und Selbststeigerung."

... was mich bewegt hat

Die gegenseitige Wertschätzung.

... die Sprache

Rüdiger Safranski studierte Philosophie, Germanistik und Geschichte und ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt. Er kann wahrhaftig schreiben und Wissen so vermitteln, dass man dabei auch noch Lesegenuss erfährt.

... ein Fazit

Sehr lesenswert. Ein wenig Interesse muss man wohl mitbringen, denn über die etwa dreihundertzehn Seiten geht Rüdiger Safranski schon sehr ins Detail.


Montag, 24. Juli 2017

"Wut ist ein Geschenk"
"Das Vermächtnis meines Großvaters Mahatma Gandhi"
von Arun Gandhi


"Als ich bei ihm im Ashram war, musste ich ihm versprechen, mich zu bemühen, 
jeden Tag etwas besser zu sein als am Tag zuvor."


Es bleibt in Erinnerung ...

... die Story

Zwei Jahre lang hat Arun Gandhi bei seinem Bapuji (Großvater) im Ashram gelebt.
In elf Lektionen fasst er zusammen, was sein Großvater ihn liebevoll aber nachdrücklich gelehrt hat. Wut erkennen und lenken, eine Meinung vertreten, in sich ruhen, bei der Wahrheit bleiben, auf Gewalt verzichten und ganz bewusst das Glück wahrnehmen. Die Sicht des Kindes damals und die Weisheit des heutigen Erwachsenen geben eine Entwicklung wieder, in der Arun nie aufgehört hat, an sich zu arbeiten. Wir erfahren die Bestrebung des Autors, die Werte seines Bapuji fortzuleben, und welche Wege er privat und beruflich gegangen ist. Viel Geschichtliches fließt ein und wir erinnern uns an die Unabhängigkeit Indiens im Jahre 1947.

... ein Zitat

"Im Ashram standen wir jeden Tag um 4.30 Uhr auf, um uns fertig zu machen für die Fünf-Uhr-Gebete. Bapuji hatte universale Gebete aus den Texten der verschiedensten Religionen herausgefiltert. Er glaubte, dass jede Religion ein Quäntchen Wahrheit enthalte und dass es problematisch sei, zu glauben, das Quäntchen sei die ganze und einzige Wahrheit. Bapuji sprach sich gegen die britische Herrschaft und für die Selbstbestimmung aller Menschen aus, und dafür saß dieser Mann, der nichts als Liebe und Frieden verbreiten wollte, fast sechs Jahre lang in indischen Gefängnissen ... Die zwei Jahre, die ich bei Bapuji verbrachte, waren für uns beide eine wichtige Zeit ... Bapuji zeigte mir in einfachen, praktischen Lektionen, wie ich meine persönlichen Ziele erreichen konnte. Gleichzeitig durfte ich Zeuge der Geschichte Indiens werden. Es war ein Intensivkurs in seiner Philosophie: "Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für die Welt."

... was mich bewegt hat

Aruns ganz besonderes Verhältnis zu seinem Großvater, dem geachteten, berühmten Mahatma Gandhi. Die geführten Gespräche. Und Aruns Schmerz, als sein Bapuji ermordet wird. 

Besonders berührend fand ich, wie Aruns Vater (also Mahatmas Sohn) auf eine Lüge Aruns reagiert. Eine sehr beispielhafte Lektion.
Schön auch Arun Gandhis Verneigung vor dem Filmepos "Ghandhi", nachdem ihn zunächst größte Zweifel beschlichen hatten.

... die Sprache

Arun Gandhi hat dreißig Jahre lang als Journalist für die "Times of India" gearbeitet und schrieb außerdem für die "Washington Post". Umgang mit Sprache ist ihm nicht fremd. Er vermag zu berichten und ist darüberhinaus ein guter Erzähler.

... ein Fazit

Zunächst hatte ich Bedenken, dass der Autor seinen berühmten Nachnamen nutzt, um daraus Kapital zu schlagen. Im Laufe des Buches lernte ich aber einen wirklich engagierten berührten Menschen kennen. Wer damals "Gandhi" im Kino gesehen hat und ergriffen war, der wird gerne lesen, was uns sein Enkel zu sagen hat.


"Ventoux" von Bert Wagendorp



"Ich verstehe jetzt, wieso Moses wegen der zehn Gebote auf einen Berg rauf musste."


Es bleibt in Erinnerung ...

... die Story

Nach dreißig Jahren beschließt eine Gruppe von Freunden, ein zweites Mal mit ihren Rennrädern auf den Ventoux zu fahren. Bei der ersten Tour muss etwas passiert sein, denn von den vier Freunden kehrten nur drei nach Hause zurück. Laura, das einzige Mädchen im Bunde, spielt eine undurchsichtige Rolle und fasziniert die Freunde und ob ihrer Unergründlichkeit auch den Leser.
Laura verschwindet nach der ersten Bergtour aus dem Leben der Jungen und meldet sich erst nach all den Jahren wieder, um mit den Männern ein weiteres Mal den Ventoux zu bezwingen. Dahinter steht die Hoffnung, es käme endlich zur Klärung damaliger Vorfälle. Wie und warum wurde Peter in einen Unfall verwickelt und weshalb ist Laura weggegangen? Die Tour soll Antworten bringen und tatsächlich kommt Überraschendes ans Tageslicht.
Die Story lebt von den einzigartigen Charakteren und der wunderschönen Bergkulisse. Die sportliche Anstrengung und der Versuch, ein Team zu bilden, stehen im Mittelpunkt. Im Leben müssen immer wieder Entscheidungen getroffen werden. Auch das rückt ins Zentrum und macht diesen Roman mit aus.

... ein Zitat

"Im Windschatten der drei Männer vor mir glitt ich ins Universum meiner Jugend zurück und fühlte mich geborgen. André fuhr an der Spitze. Er hatte David mit einem Handzeichen an sein Hinterrad geschickt; zwischen David und mir fuhr Joost. Auf den neu asphaltierten Abschnitten der Straße hörte man nur das Summen der Reifen, ein Geräusch, das normalerweise ein Glücksgefühl in mir weckt, jetzt aber auch Wehmut ... Beim Überholen eine kurze Berührung am Rücken wie eine Liebkosung. Man spürt, wie alle sich konzentrieren, wie sie versuchen, ein einziger Rad fahrender Organismus zu werden, ein Körper, ein Geist."

... was mich bewegt hat

Die Energie, die die Freunde zweimal aufbringen, um auf den Ventoux zu fahren und die Gefühle, die dabei aufkommen. Über Jungen- und Männerfreundschaft, Väter, Mütter, Söhne und Töchter und Familienbande. Alles sehr bewegend ausgelotet und berührend in diesen Roman gepackt.

... die Sprache

Sie ist einfach gehalten, fällt gar schon mal in Jugendsprache. Aber die vier Jungen sind clever und belesen, so dass die Konversationen durchaus Niveau haben. Ich empfand das Buch sprachlich als locker und flüssig und doch habe ich an vielen Stellen innehalten müssen, um sie recht genießen zu können.

... ein Fazit

Ich möchte das Buch sehr empfehlen. Die Jungenfreundschaft und die Liebe zu dem einen Mädchen ist sehr vielschichtig geschildert und hat mich mitgerissen. Alle träumen den gleichen Traum und doch sind sie ganz unterschiedlich. Der Fahrradsport und ein wacher Geist verbinden sie. Darüber hinaus lassen sie Interesse für Literatur und Wissenschaft erkennen. Intelligente und sympathische junge Männer also, deren Leben ich gerne verfolgt habe.
Bis zum Ende des Buches wird eine ungeheure Spannung aufgebaut. Und Laura sorgt für eine Überraschung. Einzig den Epilog hätte sich der Autor sparen können, denn der ist mir zu aufgesetzt und überzogen.

Sonntag, 16. Juli 2017

"Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden"
 von Raymond Carver



"Ich hörte das Menschengeräusch, das wir machten, während wir dasaßen ..."

Es bleiben in Erinnerung ...

... die Stories

Raymond Carver erzählt von Hoffnungslosigkeit, von abhanden kommender Orientierung und Liebe. Kleine Katastrophen bahnen sich im Zwischenmenschlichen an, lassen Paare nebeneinander herleben ohne rettende Idee, wie es weitergehen soll. Der Autor erweist sich als Meister der Lakonie und lässt uns gerne zwischen den Zeilen lesen. Vom Begehren und Sehnen, der Lust an Gewalt und Zerstörung und vom tröstenden Glas Alkohol. Einfache Menschen versuchen einfach nur glücklich zu sein und das wird zur schweren Lebensaufgabe.

... ein Zitat

"Er steht auf und füllt ihre Gläser nach.
Das war's, sagt er. Ende der Geschichte. Ich gebe zu, es ist keine sehr aufregende Geschichte.
Mich hat sie interessiert, sagt sie.
Er zuckt mit den Schultern und nimmt seinen Drink mit hinüber ans Fenster. Es ist inzwischen dunkel geworden, aber es schneit noch immer.
Die Dinge verändern sich, sagt er. Ich weiß nicht, wie sie das tun. Aber sie tun es, ohne dass man es merkt oder dass man es möchte."

... was mich bewegt hat

Die stille Verzweiflung, für die die Protagonisten manchmal noch nicht mal Worte finden. Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit.

... die Sprache

Minimalistisch und knapp. Einfacher Satzbau.

... ein Fazit

Die Stories gefallen mir nicht immer, und wie er sie zu Ende bringt, auch nicht. Ich würde nicht "offen" dazu sagen (das mag ich normalerweise), eher irritierend. Vielleicht liegt es an den erheblichen Streichungen, die Carvers Lektor vorgenommen hat? Kenner empfehlen nämlich, man solle zur ursprünglichen Version dieses Buches greifen, also zur unlektorierten Fassung, die erst nach Raymond CarversTod erschienen ist. Diese trägt den Titel "Beginners", weist etwa doppelte Seitenzahl auf und lässt fast alle Geschichten in einen anderen Schluss auslaufen. Carvers Witwe hat auf diese Veröffentlichung bestanden, wohlwissend, dass ihr Mann sehr mit den maßlosen Kürzungen haderte. Mir stellt sich die Frage nach der Autorität eines Lektors. 

"Falke" von Helen Macdonald



"Diese gelassenen, betörend schönen Räuber der Lüfte ...


Es bleibt in Erinnerung ...

... das Natur- und Kulturgeschichtliche, das Helen MacDonald zusammengetragen hat. Die Natur als Spiegel des Menschen. Was wir der Natur zuschreiben oder in ihr erblicken, hat viel mit uns selbst zu tun:  in antiken Mythen gilt der Falke als Bote zwischen Himmel und Erde, sowie zwischen Göttern und Menschen. Zudem wird er oft mit Heirat und Fruchtbarkeit assoziiert. In Kasachstan vertreibt der stechende Blick des Falken Dämonen. In Ägypten werden Verstorbene als fortfliegende Falken dargestellt. Wir sehen in ihm Stolz, Mut und Kampfgeist. Alles Menschenzuschreibungen.

In weiteren Kapiteln geht es um die Falknerei und den Einsatz abgerichteter Falken im Krieg und schließlich um seine Arterhaltung und die Ansiedlung im urbanen Raum. Helen MacDonald lobt ein gestiegenes Umweltbewusstsein und befürwortet die unterstützende Züchtung von Falken in Gefangenschaft, um sie anschließend auszuwildern. Alleine der Peregrine Fund setzte Anfang der 1980er Jahre über hundert Wanderfalken aus. Doch eine Gefährdung durch chemische Schadstoffe und Habitatsverlust besteht weiterhin. Man sollte nicht nachlassen, die Falkenpopulationen aufmerksam zu beobachten und zu schützen.

... ein Zitat

"Die Geschichte von Untergang und Wiederauferstehung des Wanderfalken ist wahrhaft einzigartig. Noch vor vierzig Jahren kursierten allenthalben düstere Prognosen vom Aussterben dieser Art. Inzwischen ist der Wanderfalke von der Liste der in den USA bedrohten Arten wieder gestrichen. Um ihn zu retten, wurden Millionen Dollar investiert und engagierten sich Tausende von Menschen, Universitäten, Regierungen, Unternehmen, ja sogar das Militär. Doch was genau fasziniert uns an solchen Erfolgsgeschichten, die von der Rettung einer Tierart erzählen?"

... was mich bewegt hat

Falke ist nicht einfach nur der Stoff, aus dem dieses Buch gemacht ist, sondern der Greif, der die Autorin bereits als Kind fasziniert hat. Für sie stand schon damals fest, dass sie Falknerin werden wollte. Sehr berührend sind die Dankesworte an ihre Eltern am Ende des Buches:
"Zuletzt möchte ich einen ganz besonderen Dank meinen unendlich geduldigen Eltern aussprechen, die einem kleinen Mädchen erlaubten, seinen Turmfalken bei sich im Schlafzimmer auf dem Bücherregal übernachten zu lassen, obwohl er einen Riesendreck machte."

... die Sprache

Im Grunde ist es die Sprache eines Sachbuches, aber Helen MacDonald liebt es auch, zu erzählen. Ich empfand das als sehr angenehm. Manchmal gerät die Sprache gar ins Schwärmen, wird die einer ganz persönlich berührten Falknerin.

... ein Fazit

Wen Greifvögel faszinieren (so wie mich), der sollte dieses Buch lesen. Wissenswertes und ein Hauch von Anbetung, das ist es, was dieses Buch ausmacht.

Übrigens ein Buch in hervorragender Aufmachung. Anschaulich bebildert, schönes Schriftbild, feste Seiten. Ein kleines Schmuckstück.

Sonntag, 2. Juli 2017

"Gehen, ging, gegangen" 
von Jenny Erpenbeck


"Über das sprechen, was Zeit eigentlich ist, 
kann er wahrscheinlich 
am besten mit denen, 
die aus ihr hinausgefallen sind."


Es bleibt in Erinnerung ...

... die Story

Richard ist kürzlich pensioniert worden und setzt sich grübelnd mit dem Begriff Zeit auseinander, denn davon hat er unversehens ganz viel. Als Professor für Alte Sprachen in Berlin erlebte er seinen Tagesablauf geregelt und erfüllt. Nun aber muss er "aufpassen, dass er nicht irre wird", da er sich ohne Aufgabe und Antrieb zu Hause einer gewissen Schwermütigkeit stellen muss.
Als er in der Stadt der Flüchtlinge aus Afrika gewahr wird, die auf dem Oranienplatz campieren, ist sein Interesse geweckt. Zunächst erstellt er professorenhaft einen Fragenkatalog, macht sich auf den Weg zu diesen Menschen und hofft auf Antworten, die ihm auch persönlich weiterhelfen. Genau wie er sind die Flüchtlinge aus der Zeit geworfen und er fühlt zu ihnen eine gewisse Nähe. Richard entwickelt sich darüber zu einem engagierten Helfer, der die Afrikaner zum Deutschunterricht und bei Behördengängen begleitet. Letztendlich nimmt er gar Flüchtlinge in seinem Haus auf.
Jenny Erpenbeck hat den Buchtitel gut gewählt, denn dieser umfasst viel: in erster Linie ist es natürlich die Konjugation des Verben "gehen" und damit ein wesentlicher Teil des Deutschunterrichts, aber er stellt auch direkt den Bezug zum Thema Zeit her. Die Flüchtlinge sind einen schweren Weg gegangen und wie geht es aktuell weiter, da sie größtenteils nur temporär in Deutschland geduldet sind? Richard ist in Rente gegangen und geht im Romanverlauf den absichtsvollen Weg hin zu neuen Aufgaben und Inhalten.

... ein Zitat

"Es ist jedenfalls so, dass Richard von jetzt an nicht mehr pünktlich aufstehen muss, um morgens im Institut zu erscheinen. Er hat jetzt einfach nur Zeit. Zeit, um zu reisen, sagt man. Zeit, um Bücher zu lesen. Proust. Dostojewski. Zeit, um Musik zu hören. Sein Kopf jedenfalls arbeitet noch, so wie immer. Was fängt er jetzt mit dem Kopf an?"

... was mich bewegt hat

Richard hat mich bewegt, dieser intelligente, leicht tölpelhafte eremitierte Professor, den Jenny Erpenbeck zunächst in ein etwas naives Licht stellt. Aber sie mag ihn und nimmt auch mich für ihn ein.
Und die Einzelschicksale unter den Flüchtlingen bewegen natürlich, wobei die Autorin uns an deren Geschichte teilhaben lässt, ohne dabei rührselig zu werden.

... die Sprache

Leicht und flüssig zu lesen, dabei ansprechend. 
Der Roman setzt sich im Ganzen mit Sprache auseinander: auf der einen Seite der Professor für alte Sprachen, der gar Seneca, Ovid und Tacitus zu zitieren vermag, auf der anderen Seite der Deutschunterricht für die Flüchtlinge, in dem die Sprache zum simplen Lebenswerkzeug im fremden Land wird. Sprachlich also durchaus umschichtig und schön angepasst.


... ein Fazit

In diesem Roman steckt sehr viel: ein persönliches Anliegen Jenny Erpenbecks, ein hochaktuelles Thema und die bemerkenswerte Entwicklung eines Mannes. Für mich rund und lesenswert!
Jenny Erpenbeck ist selber in der Flüchtlingshilfe aktiv, hatte gar einen Flüchtling bei sich aufgenommen. Sie schickt Richard sozusagen in eigener Sache, Fragen zu formulieren und Antworten zu finden. Als Leser erfährt man viel über Begrifflichkeiten wie "Duldung" und "Aufenthaltsstatus".
Der Autorin wurde bereits vorgeworfen, ihr Roman wirke zu konstruiert. Das empfinde ich nicht so.

"Glückskind mit Vater" von Christoph Hein



" Mein Vater hat so viele Menschen auf dem Gewissen. 
Und jetzt bringt er auch noch mich um."


Es bleibt in Erinnerung ...

... die Story

Konstantin kommt am 14. Mai 1945 in einer deutschen Kleinstadt zur Welt. Zwei Wochen später wird sein Vater in Polen als Kriegsverbrecher gehenkt. Ein Mann, der als glühender Nationalsozialist sein Kunststoff produzierendes Werk um ein Konzentrationslager hatte erweitern wollen, um günstig an Arbeitskräfte zu kommen. "Vernichtung durch Arbeit" nannte man das damals.
Konstantins durch Enteignung verarmte und zutiefst beschämte Mutter setzt bei den Behörden durch, dass sie für sich und die beiden Söhne ihren Mädchennamen wieder annehmen darf. So beginnt der verzweifelte Versuch dieser Familie, die Vergangenheit abzuschütteln. Alleine Gunthard, Konstantins Bruder, leugnet die Gräueltaten des Vaters und hält den Vater hoch. Von da an gehen die Brüder getrennte Wege.
Konstantin flüchtet zunächst nach Marseille, wo er die wahrscheinlich glücklichste Zeit seines Lebens verbringt. Seine Mutter hatte ihre Söhne stets zu Hause in Sprachen unterrichtet. Dieses Wissen befähigt Konstantin, in Marseille als Dolmetscher zu arbeiten. Seiner besonders nimmt sich ein Buchantiquar an, der ihm nicht nur zu einer Anstellung und Wohnung verhilft, sondern auch noch zur Abendschule schickt und Konstantin das Abitur nachmachen lässt. Seinen Vater kann Konstantin sehr lange verdrängen, bis ihn dieser auch in Frankreich 
einholt ...
Konstantin flüchtet zurück nach Deutschland, als in Berlin gerade die Ostzone abgeriegelt wird. Auf ostdeutscher Seite schließt er seine Mutter wieder in die Arme und lässt sich in Magdeburg nieder. Studienjahre, Bewerbungen und sein Ersuchen, vom normalen Pädagogen zum Schuldirektor aufzusteigen, werden zum fast aussichtslosen Kampf, denn die Angaben zu seinem Vater in seiner Akte versperren im nahezu jeden Weg. Zwischendurch empfindet er sich immer mal als Glückskind ... doch er ist und bleibt das Kind dieses Vaters. Rückschläge.
Der Roman spiegelt sehr gut diese Zeit nach dem Mauerbau wieder, sowohl politisch als auch gesellschaftlich.
Nach der Wende klagt Konstantins Bruder das  Erbe seines Vaters erfolgreich ein, Konstantin jedoch verzichtet auf das Millionenerbe.

... ein Zitat

"Gunthard und ich waren und blieben seine Söhne über seinen Tod hinaus, wir blieben seine Kinder ... Über seinen Besitz wussten wir Bescheid, noch jahrelang gab es verschiedene Hinweise in der Stadt auf seine Fabrik, Straßenschilder, Wegzeichen, Inschriften und die Leute redeten darüber, denn viele von ihnen waren dort einst beschäftigt gewesen, aber über seine Aktivitäten im Krieg, seine Beziehungen zu hohen Nazigrößen wie Todt und Gebhard Himmler sprach man nicht, obwohl jeder in der Stadt andererseits behauptete, die beiden gesehen zu haben, als sie Vater besucht hatten.
Und das Rätsel blieb für uns und wuchs und wurde größer und belastender. Für mich jedenfalls. Gunthard kam leichter damit zurecht."

... was mich bewegt hat

Konstantins Familiengeschichte bewegt einfach sehr, da er "als Nachfahre dieses gefürchteten Mannes" tatsächlich ein Leben lang gezeichnet ist. Konstantin wird die Bürde nicht los. Das schuldlos gescheiterte Leben eines Kriegsverbrecherkindes. Auch die Beziehung zur Mutter leidet extrem darunter, obwohl die beiden sich sehr nahe sind. 
Und Konstantin beschließt keine Kinder zu wollen, damit der Dämon nicht durch ihn weitergegeben wird. Man spürt die Qual dahinter.


... die Sprache

Der Roman liest sich trotz seiner Länge leicht und schnell. Christoph Hein versteht sich darauf, den Leser zu berühren, ohne sprachlich in Unmäßigkeit oder Theatralik und zu fallen. Sein Schreibstil bleibt eher ruhig und nüchtern. 

... ein Fazit

Ein großer deutscher Roman mit einer bewegenden Geschichte. Sechzig Jahre spannen sich hier auf: vom Zweiten Weltkrieg über die Teilung des Landes bis hin zu Wiedervereinigung. Die Figur des Konstantin hat mich sehr gefesselt, besonders sein Faible für Antiquariate 😉
Sehr lesenswert!

Freitag, 12. Mai 2017

"Das entschwundene Land" 
von Astrid Lindgren



"Was schlummert da nicht alles an Duft und Geschmack, 
an Lauten und Bildern 
aus einer verschwundenen Kindheit."


Es bleibt in Erinnerung ...

... die Story

Astrid Lindgren lässt ihre Kinderaugen von damals wandern, sieht ihr Aufwachsen auf einem Pachthof in Näs in der schwedischen Provinz Smaland. Sie und ihre drei Geschwister verbringen viel Zeit draußen, schwimmen im Fluss, spielen im Heu, pflücken Blaubeeren und laufen über Schlüsselblumenwiesen. Die Naturverbundenheit ist eine ihrer liebsten Erinnerungen, sagt sie.

Nicht minder sind es ihre Eltern, die stets einen liebevollen Umgang miteinander hatten und den Kindern viel Geborgenheit schenkten. Im ersten Kapitel erfahren wir, wie die beiden sich kennenlernen, der beharrliche Samuel und seine Hanna, die "schön wie ein Marientag" war.

Mägde und Knechte auf dem Pachthof lebten mit im Familienverband und Astrid denkt an sie "mit Zuneigung". "Wie schwierig es manchmal ist, Mensch zu sein", hat sie von ihnen gelernt. Und auch die Eltern gaben ihr mit auf den Weg: " Reiß dich zusammen und mach weiter."
Astrid Lindgren war dankbar für ihre unbeschwerte Kindheit und entlieh ihr viele Figuren und Motive, um daraus ihre Kinderbücher zu zaubern.
Über Vorlesestunden ist sie zu einer Büchernärrin geworden. Lesen erfuhr sie als "das grenzenloseste aller Abenteuer" und sie ermahnt alle Erwachsene, den Kindern Bücher nahe zu bringen, denn so wären sie "für alle Wechselfälle des Lebens besser gerüstet."
Geschrieben hat sie zunächst für ihre Tochter Karin, darüber ist sie dann zur Schriftstellerin geworden.

... ein Zitat

"Zweierlei hatten wir, das unsere Kindheit zu dem gemacht hat, was sie gewesen ist- Geborgenheit und Freiheit. Wir fühlten uns geborgen bei diesen Eltern, die einander so zugetan waren und stets Zeit für uns hatten, wenn wir sie brauchten, uns im übrigen aber frei und unbeschwert auf dem wunderbaren Spielplatz, den wir in dem Näs unserer Kindheit besaßen, herumtollen ließen. Gewiss wurden wir in Zucht und Gottesfurcht erzogen, so wie es dazumal Sitte war, aber in unseren Spielen waren wir herrlich frei und nie überwacht. Und wir spielten und spielten und spielten ..."

... was mich bewegt hat

Die kindliche Unbeschwertheit, die Wärme des Elternhauses und die erwähnte Kraft, die man aus Büchern zieht.

... die Sprache

Astrid Lindgren träumt sich zurück in ihre Kindheit, die sie als rundum glücklich schildert. Ihre Sprache ist mitreißend und schön. Fast etwas märchenhaft. 

... ein Fazit

Der Stoff, aus dem Pippi Langstrumpf, Michel, Madita und die Kinder von Bullerbü gemacht sind. Sehr lesenswert!


Dienstag, 9. Mai 2017

"Benjamin und seine Väter" 
von Herbert Heckmann



"Benjamin jedoch rückte den Stuhl an sein Fenster und las in Don Quijote."

Es bleibt in Erinnerung ...

... die Story

Die junge Anwaltsgehilfin Anna bringt zur Zeit der Weimarer Republik in Frankfurt Benjamin zur Welt bringt. Dr. Fritz Bernouilli, dem die Kanzlei gehört, nimmt sich ihrer und Benjamins an, da der Vater des Jungen das Weite gesucht hat.
Der herzensgute Anwalt wird von Anna kurz zu Jonas umgetauft, denn seine "gelinde Dickleibigkeit" lässt sie an die alttestamentarische Geschichte von Jona und dem Wal denken.
Jonas hängt sehr an Benjamin und fördert ihn in jeglicher Hinsicht. Vor allem bringt er ihm Bücher nahe. "Don Quijote" wird zum ständigen Begleiter Benjamins, der Junge liest viel, das "Buchstabenfieber" hat ihn gepackt. Jonas ist liebender Vater, Mentor und Lehrer zugleich.
Trotzdem ist Benjamin von einer tragischen Sehnsucht nach seinem leiblichen Vater erfüllt. Der Wunsch, ihn zu finden, ist immens groß. Erst im Epilog des Buches erfahren wir, ob Vater und Sohn zusammenkommen.
Benjamins innere Welt lässt die äußere nur als Randerscheinung zu. Die Nationalsozialisten drängen an die Macht und in der Schule wird ein Bild vom Führer aufgehängt. Max, der beste Freund Benjamins, muss die Stadt schlagartig verlassen. Benjamin bleibt kindlich naiv, erahnt höchstens die "Ausmaße des Unheils", wenn Jonas erregt von den "Tagesereignissen" spricht.

... ein Zitat

"Es war das letzte Mal, dass er seinen Vater auf den goldenen Thron seiner kindlichen Wünsche erhob. Seine Träume, der verstoßene Sohn einer bedeutenden Persönlichkeit zu sein und zu gegebener Zeit endlich herausgestellt zu werden: "Ja, das ist mein vielversprechender Sohn", diese Träume schwanden dahin.
Benjamin begann zu hassen und wollte nicht verstehen, wie man es in dieser Welt dilettantischer Väter aushalten könne, in dieser Welt der Versprechen, die keiner hält."

... was mich bewegt hat

Am meisten hat mich die Figur des Jonas bewegt, der so ganz selbstverständlich die Vaterrolle übernimmt und für Benjamin zur wichtigsten Bezugsperson wird.
Kein rührseliger Kitsch und doch hat das Buch mich emotional gepackt.

... die Sprache

Ganz fantastisch in der Beschreibung und Charakterisierung von Benjamin und Jonas. Einnehmende Dialoge, schöne Formulierungen. Flüssiger Stil.

... ein Fazit

Lesenswert!
Die Stadt Frankfurt hatte es übrigens dieses Jahr zum Lesefest "Frankfurt liest ein Buch" ausgewählt.
Die Erstauflage erschien 1962. Benjamin Heckmann lebt leider nicht mehr.