Samstag, 16. März 2019


"Pippilothek ??? 
Eine Bibliothek wirkt Wunder"
von Lorenz Pauli und Kathrin Schärer



"... und du bringst mir dafür das Lesen bei."


Es bleibt in Erinnerung ...

... die Story

Eine Maus, die lesen kann und ein hungriger Fuchs, der es auf sie abgesehen hat. Als sie ihm erklärt, an welch besonderem Ort sie sind und welche Möglichkeiten dieser birgt, hört er gut zu. Nur leider kann er das Buch, das die Maus ihm ausleiht, nicht lesen. Das Huhn, das er in seinem Fang mit in die Bibliothek bringt, liest ihm dann aber vor und wird deshalb von ihm wertgeschätzt und nicht gefressen. (Buch-)Freunde halten zusammen ...

... ein Zitat

"In der nächsten Nacht kommt der Fuchs wieder.
"Ich will das Buch von gestern mitnehmen. Und dich, Maus, auch. Damit du mir die Geschichte immer wieder vorlesen kannst. Ich ... ich kann nämlich nicht lesen."
Die Maus schüttelt den Kopf."

... was mich bewegt hat

Die Illustrationen von Kathrin Schärer! Sie sind wunderschön.
                                 
... die Sprache

Einfache Sätze, kurz gefasst. Dadurch rücken die schönen Bilder in den Vordergrund.

... ein Fazit

Wunderbar, um Kindern den Zauber und Nutzen von Bibliotheken zu vermitteln.

"Land sehen" von Husch Josten



"Man kann niemanden zu einer freien Entscheidung drängen."

Es bleibt in Erinnerung ...

... die Story

Nach dreißig Jahren Auslandsaufenthalt meldet sich Horas Patenonkel Georg zurück. Hora, der ihn früher geliebt und geschätzt hat, freut sich sehr und langsam nähern sich die beiden wieder an. Georg ist inzwischen Mönch, eine Tatsache, die Hora zunächst sehr befremdet, kannte er seinen Onkel doch nur als heiteren Lebemann. Die Frage, welchen Weg Georg gegangen ist und warum, zieht sich durch das ganze Buch und wird nur nach und nach beantwortet. Es steht der Glaube im Mittelpunkt, aber nicht einzig und losgelöst, sondern er hängt mit einer gemeinsamen Familiengeschichte zusammen und berührt die Themen Schuld und Schweigen. Erst in der Wahr- und der Klarheit kam Georg zur Ruhe und genau diese Werte versucht er auch Hora zu vermitteln. Zwei erwachsene Männer, die ihre Grundpositionen klären und auf Fragen Antworten finden.

... ein Zitat

"Es war ungewöhlich heiß für die Jahreszeit. Ich lag bei offenem Fenster im Bett und las; nachts nehme ich gerne Klassiker zur Hand, die mir das Gefühl von Schwerelosigkeit und Urzeitlichkeit vermitteln, als wäre das Leben, alles, das Jetzt, das Vorher, das Nachher, in der Nacht verankert, die Summe aller Bücher. Ich las also ... und da klingelte mein Telefon... wenn man Unerwartetes erwartet, kommt es nicht mehr unerwartet. Doch mit der Stimme meines Onkels hatte ich wahrlich nicht gerechnet und sie sehr lange nicht gehört."

... was mich bewegt hat

Sehr bewegend ist, was man über Georgs Bruder erfährt ...


Und wie die Autorin Horas Mutter beschreibt und klar wird, dass deren Wesenszüge, Wichtiges zu verschweigen und nur "in Maßen zu lieben" auch auf Hora abgefärbt haben. Er bringt nichts zur Sprache, nimmt sich ständig zurück und verzweifelt an verpassten Möglichkeiten.

... die Sprache

Nicht nur die Geschichte, auch die Sprache hat mich sofort gefesselt: sie ist ganz dicht und ausdrucksstark. 

... ein Fazit

Wenn das Buch auch in einer Art Predigt endet, möchte ich es trotzdem empfehlen. Mir gefällt die Nachdenklichkeit und Husch Josten erzählt fesselnd und schön und am liebsten würde man Hora und Georg persönlich kennen lernen.



Sonntag, 10. März 2019

"Cyrano von Bergerac" von Edmond Rostand



"Auf seinen Lippen küsst sie meine Worte."


Es bleibt in Erinnerung ...

... die Story

Frankreich im 17. Jahrhundert: der Titelheld Cyrano von Bergerac, ein französischer streitbarer Degenkämpfer und begnadeter Poet, leidet unter seiner zu groß geratenen Nase. Heimlich ist er in seine Kusine Roxanne verliebt, die aber den schönen Christian von Neuvillette für sich erwählt hat, nicht wissend, dass dieser, da selber einfallslos und ungeschickt, seine Liebesbriefe von Cyrano schreiben lässt.
Cyrano und Christian ziehen in den Krieg, in dem Christian zu Tode kommt. Um Roxane das Andenken an an den Liebeshelden zu erhalten, schweigt Cyrano bis kurz vor seinem Tod ...

... ein Zitat

"Weil ich mit ansah, was euch Freunde gelten,
Und wie ihr sie verhöhnt mit einem Lachen,
Das falsch und fratzenhaft sich selbst verneint!
Man soll mich herzlich grüßen, aber selten;
Drum ruf ich froh: Gottlob, ein neuer Feind!"

... was mich bewegt hat

Welch liebreizende Worte der Haudegen Cyrano wählen und wie empfindsam er sein kann! Zu Beginn des Buches schätzt man ihn ganz anders ein.

... die Sprache

Zu diesem Punkt gibt es zwei Aspekte: zum einen haben wir die sprachlich sehr schönen Verse des Autoren, zum anderen muss zur Sprache auch gesagt werden, dass dieser Text in Dramenform, das heißt mit verteilten Rollen, recht mühsam zu lesen ist.

... ein Fazit

So einige bekannte und erfolgreiche Werke der Weltliteratur sind als Bühnenfassung geschrieben worden. Möchte man sie kennen lernen (falls man sie nicht schon in der Schule gelesen hat), gelingt das durchaus ... mit ein wenig Anstrengung.

Den Edelmann und Poeten Cyrano von Bergerac hat es im 17. Jahrhundert tatsächlich gegeben. Edmond Rostand erweckte "den echten Cyrano zu neuem Leben" und feierte 1897 mit seinem Versdrama (eigentlich "Verskomödie", da auch viel Humor darin steckt) großen Erfolg.

Cyrano de Bergerac 1619-1655


Samstag, 9. März 2019


"Die letzten Kinder von Schewenborn" 
von Gudrun Pausewang




"Am nächsten Morgen fiel ein 
schwarzer Regen."

Es bleibt in Erinnerung ...

... die Story

Der zwölfjährige Roland fährt mit seinen Eltern und Schwestern nach Schewenborn in Osthessen, um dort die Großeltern zu besuchen. Gegenseitige Kriegserklärungen von Ost und West hatte bislang niemand ernst genommen, doch es kommt tatsächlich zum Worst Case und die Familie wird unterwegs von einem Atombombenabwurf überrascht. 
Viele Menschen sind sofort tot, andere irren als "aschige, blutige Gestalten" umher. Die Verwüstung ist groß, es gibt kein fließendes Wasser mehr und keinen Strom und in den Haushalten gehen bald die Lebensmittel zur Neige. Verseuchte Felder, Strahlenkrankheit, Typhus, Hungertod. Roland überlebt, aber er verliert einen Großteil seiner Familie. 
Am Ende des Buches kämmt er sich und es bleiben auffällig viele Haare im Kamm hängen ... ...

... ein Zitat

"Sie wollte nichts mehr essen, nur noch trinken. Aber das Schlucken machte ihr von Tag zu Tag mehr Mühe. Einmal rutschte ihr Kopftuch ab. Ich schrie auf, als ich sie so sah: Sie hatte kein Haar mehr. Aber im selben Augenblick bereute ich meinen Schrei, denn ich merkte, wie sehr ich sie durch mein Entsetzen verletzt hatte. Ihr Körper verfärbte sich, wurde fleckig, dann starb sie - ganz leise, ohne Klage. Sie machte sich einfach davon."

... was mich bewegt hat

Das Buch bewegt von der ersten bis zur letzten Seite. Besonders nahe rückt man den Ereignissen durch die Ichperspektive des zwölfjährigen Roland.

... die Sprache

Sprachlich einfach (Altersempfehlung 12-15 Jahre), aber auch für mich als Erwachsene ansprechend.

... ein Fazit

Erstausgabe dieses Buches erfolgte 1983. Aber die Geschichte, die erzählt wird, hat nichts an Aktualität eingebüßt. Das Wettrüsten "mit immer schärferen Drohungen von beiden Seiten" ist immer wieder Thema ...

Gerade hat Gudrun Pausewang ihren 91. Geburtstag gefeiert. Diesen nahm ich zum Anlass, ihr Buch aus dem Regal zu ziehen und zu lesen.
Beklemmend. Eindringlich.
Lesen!
Vielfach ist dieses Buch Schullektüre gewesen, was ich für eine gute Idee halte. Die Jugendlichen sollten bei diesem Thema nicht alleine gelassen werden, da die Autorin die jungen Leuten ungeschönt mit allen furchtbaren Folgen eines Atombombenabwurfs konfrontiert. Gudrun Pausewang möchte aufklären und aufrütteln und das macht sie mit Nachdruck.




"Der Wörterdieb" von Uta Swora




"Noch während sie im Rausch der Wörter schwelgte ..."

Es bleibt in Erinnerung ...

... die Story

In einer kleinen Stadt geht ein mysteriöses Phänomen um. Nach und nach verlieren die Bewohner Teile ihres Wortschatzes. Die elfjährige Florina findet heraus, was vor sich geht, und nimmt den Kampf gegen den Wörterdieb auf (aus dem Klappentext).

... ein Zitat

"Bäcker Lampe versteht sich mit allen Kindern des Dorfes gut, aber besonders freut es ihn, wenn Florina kommt. Florina hat nicht viele Freunde und wird von ihren Klassenkameraden manchmal als ein wenig schrullig bezeichnet. Eigentlich ist sie ein sehr sympathisches Mädchen, das weder besonders schüchtern noch besonders gesellig ist, aber sie hat einen kleinen Tick, was Sprache angeht. Es gibt Tage, an denen das nicht weiter auffällt, dann spricht sie völlig normal wie jeder andere auch. An anderen Tagen jedoch kann es ein, dass sie aus heiterem Himmel nur noch rückwärts spricht."

... was mich bewegt hat

Florinas Liebe zu Wörtern hat mir sehr gut gefallen.
Niedlich sind die kleinen Wortfiguren und ich war erstaunt, dass meine Fantasie so gut mitgespielt hat.

... die Sprache

Es ist die Sprache eines Kinderbuchs, wobei die Altersempfehlung schwer einzuschätzen ist. Sprachlich halte ich es aber für gelungen. Kinder können gut folgen und Erwachsene haben auch ihre Freude daran ... zum Beispiel an der Art und Weise, wie Madame Violetta sich ausdrückt.

... ein Fazit

Uta Swora (wie ich wohnhaft in Dormagen) hat mich sehr beeindruckt. Sie wollte nicht nur gerne ein Buch schreiben, sondern sie hat es auch getan und für mein Empfinden ein faszinierendes Thema gewählt. Sie selber nennt ihr Debüt 
"... eine Liebeserklärung an die Sprache."

https://www.dormago.de/dormagen-nachrichten.php?user_id=24661_%DCberzeugende+Buch-Premiere+von+Uta+Swora

Montag, 18. Februar 2019


"Mit der Faust in die Welt schlagen" 
von Lukas Rietzschel



"Um ihn herum fiel alles zusammen, 
versank und verreckte."


Es bleibt in Erinnerung ...

... die Story

Dieses Buch ist nicht autobiographisch und doch ist Lukas Rietzschel in dieser Geschichte mehr als zu Hause. Wie auch Philipp und Tobias, Geschwister in Sachsen, wuchs der Autor in dieser Gegend auf.
Den Ort Neschwitz gibt es nicht, aber er steht für viele ähnliche Orte in diesem Teil Deutschlands. Wirtschaftlich geht es bergab, der Ort zählt zum Kern des sorbischen Siedlungsgebietes und das Miteinander von Deutschen und Sorben gestaltet sich schwierig. Die beiden Jungen werden mit einem Vater groß, der gegen die Sorben wettert und macht die Kinder von Angang an vertraut mit fremdenfeindlichem Vokabular. Als Gesamtdeutschland sich mit der Flüchtlingsproblematik auseinandersetzen muss, reagiert die Jugend in Neschwitz besonders aggressiv. Unter ihnen Philipp und auch Tobias, ohne Perspektive und familiärem Halt, denn die Eltern trennen sich im Laufe der Geschichte. Die Jungen haben sich einer neonazistischen Jugendgruppe angeschlossen, finden hier Bestätigung und vermeintlich Freundschaft. Am Ende ist es Tobias, der beginnt, dem Anführer Menzel zu misstrauen. Aber ist es nicht schon zu spät?
Philipp und Tobias wissen sich zu schätzen, aber das geschwisterliche Konkurrenzdenken ist von Anfang an sehr groß. Dabei hätten sich die beiden so sehr gebraucht ...

... ein Zitat

"Wann immer er eines dieser Gesichter sah, wollte er ihnen entgegenrufen: Was habt ihr denn gemacht? Für Sachsen? Für Neschwitz? Für Mutter? Für mich? Der Mann auf der Bühne fragte das Gleiche. Die Grundschule war erst geschlossen und dann zusammengelegt worden mit einer anderen im Umkreis. Jetzt mussten die Kinder ewig mit dem Bus durch die Gegend fahren. Keine Sparkasse mehr, kein Bäcker, keine Apotheke, kein Arzt."

... was mich bewegt hat

Am meisten hat mich das Ende bewegt, als Tobias so sehr hofft, Philipp möge sich bei ihm melden ...

... die Sprache

Leicht zu lesen, simpler Satzbau. Man hat das Gefühl, die Sätze werden manchmal einfach so rausgehauen. Und doch sind sie überlegt und sitzen. 

... ein Fazit

Das Buch hat ein bisschen in mir aufgeräumt. Ich bin schnell im Verurteilen, aber hier konnte ich erfahren, dass nicht jeder Krawallgänger und Gewalttätiger unreflektiert um sich schlägt. So mancher möchte gerne abgehalten werden von dem, was er da gerade tut, aber wo sind seine  Alternativen und wo sind die Menschen, die ihm Halt geben und Auswege aufzeigen könnten? Auch Eltern sind leider oft überfordert und mit eigenen Problemen beschäftigt.

Dienstag, 29. Januar 2019


"Sumchi" von Amos Oz


"Es war Hochsommer in Jerusalem ..."

Es bleibt in Erinnerung ...

... die Story

Sumchi ist elf Jahre alt und lebt mit seinen Eltern in Jerusalem. Die Geschichte spielt 1947, ein Jahr vor der Gründung des Staates Israel und da Amos Oz sagt, es sei eine "wahre Geschichte", vermute ich, dass sie autobiographische Züge hat.
Sumchi träumt von den Bergketten des Himalaja (er möchte unbedingt mal dort hin) und von Esthi, einer Mitschülerin. Beides scheint ihm fern und unerreichbar, doch es kommt der Tag, an dem ihm sein Onkel ein Fahrrad schenkt und er Esthi ganz viel anvertraut ...
Nach diesem turbulenten Tag muss Sumchi wieder mal feststellen, dass nichts bleibt, wie es ist. Und als der Sommer zu Ende geht, ist auch Sumchi nicht mehr derselbe, gewachsen an dem, was er erlebt hat.

... ein Zitat

"Ausgeschlossen, dass man im Zimmer eines Mädchens den Schädel einer Katze findet, auch keine leeren Bierdosen, Schraubenzieher oder Nägel, auch nicht die Federn und Rädchen und Zeiger von zerlegten Uhren und keine alten Taschenmesser. Und auf gar keinen Fall hängen an den Wänden Abbildungen brennender Kriegsschiffe. Im Gegenteil. In Esthis Zimmer herrschte eine Art farbiges Licht: rötlich braun und warm ... Du bist im Zimmer eines Mädchens, dachte ich, du bist bei Esthi, dachte ich, und du sitzt da und sagst kein Wort, weil du einfach ein großer dummer Klotz bist, Sumchi."

... was mich bewegt hat

Sumchis Erfahrung, dass seine Eltern letztendlich doch hinter ihm stehen.

... die Sprache

Der Deutsche Taschenbuchverlag gibt für dieses Jugendbuch die Alterszielgruppe 10-12 Jahre vor. Sprachlich aber doch so komplex, dass auch Erwachsene es gut lesen können.

... ein Fazit

Der junge Sumchi und seine Gedankenwelt haben mich gefesselt. Eine wunderbare Lektüre, die ich jedem empfehlen möchte.

Amos Oz starb  am 28. Dezember 2018 in Tel Aviv, Mirjam Pressler, seine deutsche Übersetzerin, keine drei Wochen später am 16. Januar 2019 in Landshut.
Den beiden zu Gedenken habe ich jetzt dieses wunderbare Buch gelesen.